1. 

«Heil dir, Helvetia, hast noch den Cervelat!» Träfer lässt sich unsere tief empfundene Zuneigung zu dieser leicht gekrümmten, rund 10 Zentimeter langen, 4 Zentimeter dicken und bis zu 150 Gramm schweren Wurst nicht umschreiben. Stolze 160 Millionen Exemplare essen wir Eidgenossinnen und Eidgenossen jährlich! Der Cervelat ist unser liebster Zipfel Heimat, auf den wir nicht nur am 1. August schwören, sondern rund ums Jahr, unabhängig von Kantönligeist und Standesdünkel, Schreibweisen und Sprachschöpfungen wie Servelat, Zervelat, Klöpfer, Stumpen, Proletenfilet, Arbeiterforelle.

2.

Der Cervelat ist ein Freigeist. Bis heute gibt es kein Gesetz, das seine inneren und äusseren Werte definiert. Laut schweizerischer Lebensmittelverordnung handelt es sich bei unserer Nationalwurst lediglich um eine Brühwurst, die kalt oder warm gegessen werden kann und mindestens 30 Prozent Fleisch enthalten muss. Meistens handelt es sich dabei um mageres Rindfleisch, eventuell Schweinefleisch, Wurstspeck und Schwarte. Dazu kommen Eiswasser und typische Gewürze wie Pfeffer, Muskatnuss, Koriander, Knobli, Nelken und Zwiebeln.

3.

Unsere grosse Liebe zum Cervelat zeigt sich aufs Feinste in den unzähligen Rezepten, die ihm gewidmet sind. Wir geniessen ihn kalt mit Bürli und Senf als Waldfest, am Stecken gebrätelt, grilliert mit fantasievollen Mustern, als Cervelat-Krebs, Wurstsalat mit oder ohne Käse, Arbeiter-Cordonbleu mit Speck und Käse, paniert als Büezerkotelett, Wurstgulasch, in Suppen, Eintöpfen oder Omeletten. Auch als Aromaspender von Chips feierte der Cervelat schon Triumphe. Jetzt gibt er den Ton an in Käse: Cervelat heisst der Hexerkäse N°4, kreiert von Spitzenkoch Stefan Wiesner und der Bergkäserei Marbach.

4.

Das wohl älteste Rezept für die Herstellung eines Cervelats stammt aus dem Berner Koch-Büchlein von 1749. Seitdem hatte die designierte Nationalwurst einige Turbulenzen zu überstehen. Zum Beispiel den Basler Wurstkrieg von 1890. Damals erhöhten die Metzgermeister den Wurstpreis um 30 Prozent, worauf es prompt zu einem Cervelat-Boykott kam, dem sich die Fleischer schliesslich beugen mussten. 2008 dann die nächste Krise: Wegen BSE wurde die Einfuhr von brasilianischem Rinderdarm verboten und eine Taskforce Cervelat gegründet zur Prüfung von alternativen «Hüllen». Heute kann die Wurst gottlob wieder originalverpackt werden.

5.

Die Schauspielerin und Ex-Miss-Schweiz Melanie Winiger soll von sich gesagt haben, dass sie kein Star sei, sondern ein Cervelat-Promi (Mundart für B-Prominenz) – womit sie die meisten Herzen hierzulande erobert haben dürfte. *** Das Gleiche gilt für den Musiker Blues Max und seinen Song «Servila». *** Das Künstlerduo Fischli/Weiss machte sogar mit seiner «Wurstserie» resp. dem «Catwalk der Cervelats» weltweit Furore. Unsere Lieblingswurst ist eben eine Muse für Kreative jeder Art.